Der Einsatz von Podcasts im Unterricht


Erstellt von Maike Verworn, Johanna Scholz, Antoinette Südhoff und Tim Brandes.


Definition

Podcasting ist ein neues und innovatives Multimedia-Phänomen, das seit dem Jahr 2003 eine regelrechte Kultur gebildet hat. Darunter versteht man die Erstellung von Medienda-teien und deren automatisierte Verbreitung über das Internet.

Ein Podcast ist eine fast immer kostenlose kleine auditive Sendung im Internet, die sich meist einfach auf einen MP3-Player übertragen lässt, sodass man sie in allen Lebenssi-tuation anhören kann. Die Inhalte sind so gut wie unbegrenzt und sehr vielfältig. Die bei-den großen Podcastportale iTunes und podcast.de bieten über 63.000 kostenlose Pod-casts in mehr als 15 Sprachen an. Darunter sind Audio- und auch Videosendungen von Laien genauso wie solche von verschiedensten inländischen und ausländischen TV- und Radiosendern. Tagesaktuelles Material lässt sich also hier in immensem Ausmaß finden [1].

Podcasts können z. B. Musik, Radiotalkshows, Kochsendungen, Univorlesungen, private Tagebucheinträge oder Nachrichten usw. beinhalten. Charakteristisch für einen richtigen Podcast ist, dass man ihn einfach und regelmäßig hören kann. So ist es bei der richtigen technischen Einstellung möglich, dass der Computer automatisch die neusten Folgen eines Podcasts von Interesse herunterlädt [2].

Der einfachste Weg Podcasts zu finden und zu abbonieren ist mithilfe eines sog. Pod-catcher wie iTunes. Hierzu muss die kostenlose iTunes- Software auf einem Rechner installiert werden. Die Software sucht die im zugehörigen Podcastportal iTunes zur Abonnierung markierten Podcasts, lädt sie herunter und spielt sie ab. Die Software kann die Podcasts auch direkt auf den MP3 Player überspielen [3].

Podcasts lassen sich aber auch einfach selber herstellen. Das Podcasten beginnt zu-nächst mit einer Audiodatei, die mithilfe des kostenlosen Audioprogramms Audacity leicht zu erstellen ist. Audacity wird prinzipiell bedient wie ein Kassettenrekorder, man benötigt nur ein angeschlossenes Mikrofon und einen Computer. Mithilfe dieser Software kann der gesprochene Text dann in eine MP3-Datei exportiert und gespeichert werden. Diese Datei wird nun auf einen Webserver geladen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht [4].

Beispielprojekt mit Einsatz von Podcasts

Eine Englischlehrerin der Städtischen Berufsbildenden Schulen in Rheine hat mit ihrer 11. Klasse des Wirtschaftsgymnasiums ein Projekt mit einer Partnerschule in Kapstadt geplant. Das Projekt sieht vor, dass jeder Schüler und Schülerin der Klasse einen Part-nerschüler aus Kapstadt zugewiesen bekommt, mit dem er über einen längeren Zeitraum hinweg über Podcasts kommuniziert. Die Lehrerin erhofft sich, dass durch dieses Projekt die mangelnde Sprachpraxis im Englischunterricht aufgewogen werden kann und dass die Schüler und Schülerinnen aktiven kulturellen Austausch betreiben, der auch die So-zialkompetenz fördern soll. Desweiten möchte sie die Ausbildung von Medienkompeten-zen fördert, indem sie die Schüler und Schülerinnen zum Umgang mit modernen Medien wie Podcasts anregt.

Die Schüler sollen die Podcasts zu Hause erstellen. Die Lehrerin geht im Informatikraum der Schule mit ihnen den Produktionsvorgang durch und erklärt die Beschaffung und den Gebrauch der nötigen, kostenlosen Softwares. Sie stellt sicher, dass jeder Schüler der die zur Produktion nötigen Komponenten wie Computer und Mikrofon nicht zur Verfü-gung hat, diese Medien an der Schule nutzen kann. Die produzierten Podcasts werden dann auf dem Webserver der Schule gespeichert und mit Kapstadt ausgetauscht.

Kompetenzentwicklung durch Podcasts

„Kompetenzen […] Fertigkeiten, Fähigkeiten, Eigenschaften oder Haltungen, die es er-möglichen, Anforderungen in komplexen Situationen erfolgreich und effizient zu bewälti-gen“ (Maurer/Garzeler 2005) [5].

Jede Schülerin und jeder Schüler bringt bereits Kompetenzen mit in den Unterricht. Ziel ist es, diese Kompetenzen förderlich weiterzuentwickeln. Im Fremdsprachenunterricht sollen die Schülerinnen und Schüler natürlich hauptsächlich ihre Sprach- und Hörkompe-tenz ausbauen. Sie lernen von verschiedenen Sprechern ein Gefühl für die Sprache zu bekommen. Ihnen begegnen kulturelle Unterschiede und Traditionen aus unterschiedli-chen Ländern. Besonders hoch ist der Effekt bei der Eigenproduktion von Podcasts. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich intensiv mit einem Thema auseinander, struk-turieren und bewerten die Informationen. Sie verfassen selber Beiträge und Manuskripte für ihre Podcasts und erweitern somit auch ihre Schreibkompetenz. Das phonetisch feh-lerfreie Lesen der Texte zur Übung oder für die endgültige Aufnahme intensiviert die Auseinandersetzung mit der eigenen Sprach- und Lesekompetenz. Die Umsetzung der fachspezifischen Methoden dürften der Lehrkraft keine größeren methodischen Proble-me bereiten. [6] Der Einsatz von Podcasts ermöglicht der Lehrperson eine Erhöhung des Sprechanteils der einzelnen Schülerinnen und Schüler. Neben der sprachlichen Kompetenz eignen sich die Schülerinnen und Schüler Medien- und Methodenkompetenz an. Sie sollen interagierend eigene Ideen umsetzen und hier-bei das Recherchieren erproben und erweitern. Zur Produktion der Podcasts ist natürlich eine Einführung in die Materie und die Technik notwendig, die Kenntnisse und Fertigkei-ten des Mediums Podcasts erlernen die Schülerinnen und Schüler aber durch das ei-genständige Nutzen. Während des Erstellungs- und Veröffentlichungsprozesses lernen sie die Wirkungsweisen und Produktionsbedingungen von Medien kennen. [7] Die Schü-lerinnen und Schüler tragen selber die Verantwortung für ihre Arbeiten und die Veröffent-lichung. Sie müssen die Internetplattform übersichtlich gestalten und Aktualität sicher-stellen. Ein Counter der Zugriffe kann den Schülerinnen und Schülern Rückmeldung und Erfolgserlebnisse vermitteln und zusätzlich motivierend wirken. Ein weiterer positiver Effekt bei der Produktion von Podcasts in Schülergruppen ist Stei-gerung der Sozialkompetenz. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten selbstorientiert und evtl. in Teams an individuell festzulegenden Lernorten und – zeiten. [8] Sie sollen ihre Team-, Kritiklöse- und Problemfähigkeit ausbauen. Durch den Kontakt zu einer Partner-Podcast-Schule soll den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gegeben werden, interkulturelle Begegnungen zu erleben und aktiv an ihnen teilzuhaben. [9]

Interkulturelles Lernen

Einsatz von Podcasts im Fremdsprachenunterricht

Durch interkulturelles Lernen soll der bewusste und kritische Umgang mit Stereotypen geübt werden, ein Aufbau von Akzeptanz für andere Kulturen erfolgen und das Ver-ständnis der eigenen Kultur sowie das Fremdverstehen gefördert werden. Diese Ziele, besonders des Fremdsprachenunterrichtes, sollen für die erfolgreiche Kommunikation und Zusammenarbeit mit Menschen aus anderen Kulturen erreicht werden. Interkulturel-le Trainings sollen die Fähigkeit der Teilnehmer zur sozialen Interaktion mit Angehörigen anderer Kulturen verbessern. Wie kann Podcasting zum interkulturellen Lernen beitragen? Interkulturelles Lernen findet nicht automatisch statt. Im Unterricht können Zahlen und Fakten über andere Länder und Kulturen vermittelt werden, aber das interkulturelle Ler-nen erfolgt dadurch noch nicht. Interkulturelle Lernprozesse bleiben nicht auf der kogniti-ven Ebene stehen, sondern finden vor allem auf der Gefühlsebene statt. Für das interkul-turelle Training eignen sich Podcasts gut, da sie eine Möglichkeit darstellen, die kognitive Ebene mit der Gefühlsebene zu verbinden, indem sie einerseits authentisches Informati-onsmaterial liefern (Beiträge von Muttersprachlern) und gleichzeitig, durch den unmittel-baren Kontakt zu Menschen anderer Länder (z.B. Schulprojekt mit Kapstadt), eine emo-tionale Einbindung auf Seiten der Schülerinnen und Schüler schaffen. Durch die Pod-castbeiträge der Schülerinnen und Schüler aus Südafrika, z.B. zu einem vorher vorge-gebenen Thema können die Schülerinnen und Schüler den Perspektivenwechsel erfah-ren. Sie lernen andere Meinungen und Einstellungen aus dem Leben von gleichaltrigen Schülerinnen und Schülern auf einem anderen Kontinent kennen.

Gesprochene Hausaufgaben

Zusätzlich oder im Rahmen des oben beschriebenen Projektes mit einer Schule im Aus-land besteht für Lehrer auch die Möglichkeit „gesprochene Hausaufgaben” aufzugeben. Besonders im Fremdsprachenunterricht lässt sich in Form „mündlicher Hausaufgaben” die Fertigkeit des Sprechens gut üben. Die Schülerinnen und Schüler können als Hausaufgabe Audio-Dateien in der Zielsprache herstellen und ins Internet hochladen. Besonders Lernerinnen und Lerner, die im Unterricht nicht oft zu Wort kommen, haben Gelegenheit eine Rückmeldung vom Lehrer zu ihren mündlichen Leistungen/ Produktio-nen zu bekommen. Sie können dabei ihr Tempo bestimmen und in Ruhe die Unterrichts-texte noch einmal hören oder ihre eigene mündliche Produktion bearbeiten.

Vorteile

  • Die Schülerinnen und Schüler befassen sich ihrem Lerntempo angepasst und auf kreative Weise mit authentischer Sprache (→

Binnendifferenzierung möglich)

  • Förderung der Sprach- und Hörkompetenz → durch die Individualisierung des Lernens die Angst Fehler zu machen verringert
  • Möglichkeit einer individuellen Rückmeldung
  • Förderung von im Unterricht eher zurückhaltenden Schüler (s.o.)

Nachteile

  • Setzt voraus, dass die Schülerinnen und Schüler Internetzugang haben
  • Regelmäßiges Einfordern gesprochener Hausaufgaben von allen Schülerinnen und Schülern erfordert hohen Zeitaufwand beim Korrekturhören
  • Mitarbeit und Engagement der Lehrperson erforderlich

Evaluation

Wie nehmen Kinder/Jugendliche Podcasts auf? Welche Formate sind geeignet, welcher Ansatz der Bereitstellung/Produktion von Podcasts ist für Kinder und Jugendliche in der Praxis von Bedeutung?

Im Folgenden sollen drei empirische Untersuchungen betrachtet werden, in denen Schüler und Studierende Podcasts einerseits als Informationsvermittler von Mitschülern/Mitstudierenden oder Lehrern zur Verfügung gestellt bekamen und andererseits selbst als Produzenten agierten, um Unterrichtsthemen für Mitschüler/Mitstudierende aufzubereiten.

Evans untersuchte an der Brunel University in Großbritannien 200 Studenten, welche jeweils drei Podcasts nach Ablauf der „Lehr-Einheiten“ – jedoch noch vor der Prüfung – zur Nachbereitung der Inhalte vom Lehrstuhl zur Verfügung gestellt bekamen. Die Evaluation der Studierenden zeigte, dass Podcasts als ein besseres Nachbereitungswerkzeug als Lehrbücher und effizienter als eigene Notizen empfunden wurden. Die Studenten füllten unerwartete Freizeit (z.B. Wartezeiten) aus, um mit ihren mobilen Abspielgeräten die Veranstaltungen nachzubereiten. Grundlage hierfür war die Verfügbarkeit auf ihren Abspielgeräten: Podcasts unterliegen eher einer „Push“ als einer „Pull“ Technologie. Der Lernenden muss nicht unnötig viel Zeit in die Zusammenstellung des Materials investieren, sondern bekommt die aktuellen Episoden automatisch aus einem „Feed“ und bestenfalls auch regelmäßig auf das Abspielgerät.

Evans schlussfolgert, dass die Bindung zwischen Lehrendem und Lernendem vom emotionalen Standpunkt aus beim Einsatz von Podcasts als hoch einzustufen sei – die Studenten empfanden die Kommunikation als „direkter“ [13]. Carvalho et al. betrachteten eine Gruppe von Neuntklässlern in Portugal. In der ersten Stufe bekamen die Schüler Podcasts mit Arbeitsaufgaben und in der zweiten Stufe erstellen die Schüler selbst Podcasts über das derzeitige Unterrichtsthema. Die Schüler gaben an, lieber einen Podcast von Mitschülern zu hören als das jeweilige Thema im Lehrbuch nachzulesen. Hauptgründe hierfür waren, dass die Inhalte im Podcast abschließender und klarer dargestellt wurden und das Lesen im Lehrbuch unter den Schülern als langweilig empfunden wurde. Besonders weniger motivierten Schülern konnten die Podcasts helfen, einen besseren Einstieg und mehr Motivation zur Bearbeitung des Themas zu erlangen. Fast alle Schüler argumentierten, dass sich ein Podcast als ergänzendes Medium eigne, den Lehrer jedoch nicht ersetzen könne [14]. Freydenberg schließlich untersuchte Wirtschaftsinformatiker am Bentley College und gab Studierenden die Aufgabe, verschiedene Lernfelder des Kurses in Form eines Podcasts aufzubereiten und den anderen Studierenden als Lernhilfe zur Verfügung zu stellen [15]

Als angenehmste Länge eines Podcasts empfanden die Studenten eine Dauer von 6-10 Minuten pro Episode. Sie nutzten vor allem die Möglichkeit, den zum Thema passenden Podcast als inhaltliche Einführung vor der zugehörigen Unterrichtsstunde zu nutzen. Die Podcasts waren für die Mitstudenten besonders attraktiv, weil die eingebrachte Individualität, der Humor und die Kreativität eine neue Lernerfahrung darstellte. Alle drei vorgestellten Untersuchungen kamen im Fazit zu dem Ergebnis, dass die Bindung zwischen dem Vermittler der Lehrinhalte und der Lernenden erhöht wird, da Podcasts eine direktere und natürlichere Kommunikation zwischen Lernen und Lehrer schaffen. Diese verbesserte Bindung hatte eine unmittelbare Zunahme der Motivation und des Engagement der Lerneden zur Folge.

Literatur

http://www.schulpodcasting.info/podcasting/im_fremdsprachenunterricht.html, letzter Zugriff: 27.06.2010

 
uniwp/llhypm/hyphyp/einsatz_von_podcasts_im_unterricht/start.txt · Zuletzt geändert: 2010/06/29 15:27 von 92.196.17.250
 
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