Geistesgeschichte

Definition

Die Geistesgeschichte bezeichnet eine Richtung der Literatur- und Kulturgeschichtsschreibung,
die von der Grundannahme ausgeht, dass verschiedene Phänomene einer Epoche oder
eines Kulturraums als Ausdruck einer übergreifend wirksamen Geistesströmung zu verstehen seien.
Der erste Beleg des Begriffs der Geistesgeschichte findet sich in der fünften der 1812 von Friedrich Schlegel gehaltenen Vorlesungen über die Geschichte der alten und neuen Literatur.
Als Bezeichnung für eine spezifische literaturwissenschaftliche Betrachtungsweise setzte er sich jedoch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch.
Materiale historische Tatsachen können diese Sichtweisen nicht relativieren,
die geistesgeschichtliche Perspektive hält die Rekonstruktion von Ideen
für aussagekräftiger als etwa die gesellschaftlichen Zustände,
die die Rahmenbedingungen für die Artikulation des Geistes liefern.
Die zentrale idealistische These ist, daß der Geist
den materialen Gegebenheiten übergeordnet sei.
Dabei wird das literarhistorische Detailwissen zunehmend gering geschätzt.”

Entstehung

Das geistesgeschichtliche Literaturverständnis entwickelte sich als Gegenbewegung zu dem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorherrschenden Positivismus, der sich im wesentlichen an den Methoden der Naturwissenschaften orientierte und die literarischen Texte im Hinblick auf eindeutig feststellbare Tatsachen sowohl philologischer (Def.: Es ist die zusammenfassende Bezeichnung für die Sprach- und Literaturwissenschaft einer Sprache oder eines Sprachzweiges.) und biographischer als auch sozialwissenschaftlicher Natur betrachtete. Mit der Betonung des Geistes sollte demgegenüber der sich den Tatsachen entziehende Sinn eines literarischen Werkes hervorgehoben werden. Rudolf Unger, einer der Hauptvertreter des geistesgeschichtlichen Ansatzes, sieht in seiner Literaturgeschichte und Geistesgeschichte daher„die Aufgabe der geistesgeschichtlichen Betrachtungsweise [in der] Herausarbeitung des Sinngehaltes der dichterischen Werke, ihres Gehaltes an Lebensdeutung, in besonderem Hinblick auf die jeweilige Bewusstseinsstufe des Gesamtgeistes und auf deren Spiegelung in Religion und Philosophie.”
Einen wesentlichen Anteil an der Herausbildung eines solchen Literaturverständnisses hatte die Philosophie Wilhelm Diltheys, der sich in Anknüpfung an die Hermeneutik Friedrich Schleiermachers um die Konzeption einer spezifisch geisteswissenschaftlichen Methode des Verstehens bemühte, die er der naturwissenschaftlichen Methode des Erklärens entgegensetzte.
Auch nahm der Begriff des Geistes in den Schriften Diltheys eine Bedeutung an, die sich deutlich von früheren Formen des Geistverständnisses, insbesondere von der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels und von der Romantik, unterschied: Anders als bei Hegel wird Geist hier nicht mehr im absoluten Sinne, d. h. als Manifestation einer alles in sich begreifenden Weltgeschichte, aufgefasst, sondern als Ausdruck einer Epoche oder Weltanschauung. Gegenüber der Romantik (insbesondere gegenüber Novalis und Friedrich Schlegel) gab Dilthey zudem die Ineinssetzung von Geist und Sprache auf; die Bedeutung eines literarischen Werkes wird infolgedessen nicht mehr von der jeweiligen sprachlichen Konkretion her verstanden, sondern als ein von dieser prinzipiell ablösbarer Gehalt gedeutet, der wiederum im Sinne einer weltanschaulichen Idee oder als psychologisch beschreibbares Erlebnis zu begreifen sei.
In den zwanziger Jahren entwickelte sich die geistesgeschichtliche Betrachtungsweise zur dominierenden Forschungsrichtung der deutschen Literaturwissenschaft, innerhalb derer sich als – einander nahe stehende – Varianten die Ideen- und Problemgeschichte sowie eine stiltypologisch orientierte Position herausbildeten.

Geistesgeschichte im Laufe der Zeit

Die Blütezeit der Geistesgeschichte findet sich in den Jahren 1910- 1925, danach wurde sie von der Stil- und Formgeschichte abgelöst.
Als eigenständige literaturwissenschaftliche Methode konnte sich die Geistesgeschichte nach 1945 nicht halten, doch wurden geistesgeschichtliche Fragestellungen später in einige stärker formorientierte Richtungen der Literaturwissenschaft integriert.

Kritik

Die Kritik an der geistesgeschichtlichen Herangehensweise richtet sich vor allem darauf,
dass diese durch die Applikation gedanklicher Konstrukte, die der Philosophie oder anderen Wissenschaften entnommen sind, der sprachlichen Eigenart des einzelnen literarischen Kunstwerks nicht gerecht zu werden vermag.
„Die Geisteswissenschaft bietet keine Philosophie der Kunst, sondern sie betrachtet die Kunstwerke,
als wären es Philosopheme.”(Peter Szondi, Poetik und Geschichtsphilosophie Bd. 1).

wichtige Personen

Als Urheber der Bewegung dürfte wohl der deutsche Philosoph,Theologe und Historiker Wilhelm Dilthey benannt werden.
Mit seinen Schriften “Das Erlebnis und die Dichtung” (1906)und “Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften”(1910)legte er den Grundstein für eine Erneuerung der Literaturbetrachtung in der wissenschaftlichen Welt.

Motive

Ziel Diltheys war die Schaffung eines Grundlagenwerkes für die Geisteswissenschaften, d.h. die systematische Abgrenzung der Erkenntnisweise der Naturwissenschaften von der, der Geisteswissenschaften.
Dabei begriff er die Naturwissenschaften als Gesetzeswissenschaften, die über kausale, statistische Zusammenhänge die Natur zu erklären versuchen.
Dagegen fasste er Geisteswissenschaften, als Wissenschaften von den handelnden Menschen auf, die sich im geistigen Überbau einer Gesellschaft widerspiegeln, wie zum Beispiel in Literatur, Religion, Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften.

Thesen

Geleitet wurde Dilthey von der These, daß Produkte des Geistes einer völlig anderen Erkenntnisweise unterliegen wie die der Natur.
Die Erkenntnisweise zu den Geisteswissenschaften lag, nach Dilthey, nicht etwa im Erklären, sondern vielmehr im Erkennen, im Verstehen von Sinnstrukturen, das heißt von vergangenen oder gegenwärtigen geschilderten Gebilden auf der Grundlage eines universellen Lebenszusammenhanges. (intuitive Synthese)
Mit diesem universellem Lebenszusammenhang bezieht sich Dilthey auf die Gleichartigkeit und Überzeitlichkeit aller menschlichen Erlebnisse.
Daraus resultiert auch seine Modifizierung des hermeneutischen Zirkels, wobei er nicht mehr von erlerntem, kulturellem Vorwissen des Lesers ausgeht, sondern von einer allen Individuen innewohnenden Gleichartigkeit des Erlebens.
Dabei hat er immer im Blick, daß Dichtung als Ganzes betrachtet werden müsse, das heißt das diese keine Nachahmung der Natur sei, sondern eine freie Schöpfung des menschlichen. Geistes (isolierend betrachtende Methode).
Zwar verneint er nie, daß bei dieser Betrachtungsweise auch gegebene, reale Einflüsse (zum Beispiel biographische Daten) mit einbezogen werden müssen, doch widerspricht dies der Ganzheitsthese und somit werden diese lediglich sekundär herangezogen.

Methode der Geistesgeschichte

Zunächst einmal muß das Stück auf der Basis des Erlebens verstanden werden.
Dann sollte man das Werk weitesgehend isoliert von geschichtlichen Fakten und Tatsachen betrachtet und auf Sinnstrukturen hin untersucht werden.
Um die Sinnstrukturen aufzudecken betrachtet man vier verschieden Strukturtypen.

  • Stammeskundliche Strukturforschung

Bei der stammeskundlichen Strukturforschung werden Erbe, Heimat, Stamm und Landschaft (wessen?) mit dem Werk verknüpft.

  • Formale Struktur

Hierbei wird Literaturwissenschaft mit den anderen Künsten in Zusammenhang gesetzt.

  • Ideengeschichtliche Struktur

Es wird hier nach gleichen Ideen in Literatur und Philosophie gesucht.

  • Strukturpsychologie

Literaturinterpretation wird mit Seeleninterpretation gleichgesetzt. Das Verständnis der dichterischen Psyche wird zur Analyse des Werkes herangezogen.

Unterschied: Geistesgeschichte und Positivismus

Wie bereits oben erwähnt wandten sich die frühen Geistesgeschichtler gegen die zunehmende Verstofflichung literarischer Werke. Sie wehrten sich dagegen, hinter Dichtung einen eigentlichen Sinn zu suchen. Vielmehr sollte Dichtung aus sich heraus als Ganzes gedeutet werden. Auf keinen Fall sollten Daten und Fakten aus der Literaturgeschichte angesammelt werden, um aus ihnen statistische Gesetze und kausale Beziehungen zu folgern. Sie warfen den Positivisten vor die Einzigartigkeit literarischer Werke weder erkennen noch begründen zu können. Grob gefasst lassen sich folgende Kernunterschiede herausarbeiten:
Während beim positivistischen Denken das Sein, das sich in der Literatur abspielt im Vordergrund steht, steht beim geistesgeschichtlich- idealistischen Denken das Denken, das die Literatur schafft im Vordergrund. Die Positivisten richteten ihr Augenmerk auf die Wirklichkeit, die der Literatur vorausgeht, die Geistesgeschichtler auf die Idee, die in der Literatur erscheint. Die einen berufen sich auf geschichtliche Tatsachen, die anderen propagieren das überzeitliche Wesen in der Dichtung. Die einen sprechen von Notwendigkeit und Kausalität, die Literatur determinieren, die anderen fordern Freiheit, die Literatur autonom sein läßt. - Entstehungszeit: Knüpft an den Positivismus an, zu Beginn des 20. Jhd.

Abgrenzung zum Positivismus:

Positivismus Geistesgeschichte
Sein, das sich in Literatur spiegelt Denken, das die Literatur schafft
Wirklichkeit, die der Literatur vorausgeht Idee, die in der Literatur erscheint
Geschichtliche Tatsachen Überzeitliches Wesen
Erfahrung des Gegebenen Geist als Schöpferisches

Versuch der Schaffung eines Grundlagenwerkes für die Geisteswissenschaften→ systematische Abgrenzung Naturwissenschaften - Geisteswissenschaften

Werken der ideengeschichtlichen Variante

  • Rudolf Ungers Hamann und die Aufklärung (1911)
  • Friedrich Gundolfs Shakespeare und der deutsche Geist (1911)
  • Herbert Cysarz’ Erfahrung und Idee (1921)
  • Hermann August Korffs Geist der Goethezeit (1923-1953)

Werken der problemgeschichtliche Richtung

  • Paul Kluckhohns Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts und in der Romantik (1922)
  • Rudolf Ungers Herder, Novalis und Kleist.
  • Studien über die Entwicklung des Todesproblems im Dichten und Denken vom Sturm und Drang zur Romantik (1922)
  • Walther Rehms Der Todesgedanke in der deutschen Dichtung vom Mittelalter bis zur Romantik.

Werken der stiltypologischen Betrachtungsweise

  • Fritz Strichs Deutsche Klassik und Romantik oder Vollendung und Unendlichkeit (1922)

Interpretationsweisen

Perspektiven und Ziele

1. Es wird angenommen, dass ein enger Zusammenhang besteht z.B. zwischen Dichtung, Philosophie, Religion und Musik, dass es einen ‘Gesamtgeist’ einer Epoche gibt, der sich in den einzelnen Phänomenen des geistigen Lebens ausdrückt. Die Epoche wird als Synthese aller ihrer kultureller Erscheinungen gesehen. Doch muss festgehalten werden, dass, wenn vom ‘Geist’ einer Epoche gesprochen wird, dieser nicht im Hegelschen Sinn metaphysisch als die selbsttätige Erfassung des Weltgeistes aufgefasst werden darf. Vielmehr hat man unter ‘Geist’ oder ‘Ideen’ historische Kategorien bzw. menschliche Leistungen zu verstehen. Die einzelnen Tatsachen und Phänomene einer Epoche sind unter einer aus dem Vorverständnis gewonnenen ‘Idee’ zu ordnen, aus dieser Ordnung der wesentlichen Erscheinungen einer Zeit ist der ‘Geist’ der Zeit herauszudestillieren, als dessen Ausdruck und Spiegelung nun wiederum die einzelnen Manifestationen interpretiert werden; dabei kann keine Beschränkung auf die Leistungen eines geistigen Gebiets statt haben, da alle für sich und untereinander im Bezug auf den ‘Gesamtgeist’ ihrer Zeit verbunden sind. 2. Ziel ist es, aus der gesamten Objektivation einer Zeit – von ihrer Religion bis zu ihrer Tracht – den Geist zu konstruieren, aus dem dies alles möglich und notwendig war: aus den Objekten einer Zeit ihr Subjekt. Wir suchen also die hinter den Kulturobjektivationen liegende Totalität, auf die wir jede einzelne Erscheinung zurückbeziehen dürfen, um von dort ihre ‘Erklärung’, besser: ihre Sinndeutung zu erfahren.

3. Die synthetische Schau des Geistes wird angestrebt. Das Ziel sind Synthese und damit Ganzheit, Zusammenhang, Totalität hinsichtlich der geistigen Bereiche der schöpferischen Werke. Erst im Blick auf die großen Zusammenhänge kann für die einzelnen Glieder der Entwicklung die rechte Perspektive gewonnen werden. (Maren-Grisebach, 24f.)

4. Ein philosophisches Einheitsstreben macht sich geltend, das sich weniger für die positivistisch zertrümmerten Einzelfakten als für das Grundsätzliche und Weltanschauliche interessiert. Die Analyse wird mehr und mehr durch die Synthese abgelöst. Das „Wesenhafte“, nicht das „Vordergründige“ der Dinge will man erkennen. Das wissenschaftliche Leitbild dieser Richtung ist der „freischöpferische“ Geist, der sich jedem materialistisch bedingten Kausalnexus zu entziehen scheint. Überall spürt man das Bemühen, endlich eine spezifisch geisteswissenschaftliche Begriffsbildung zu entwickeln.

5. Man verlangte nach großen Aufgaben: der Erforschung ganzer Weltzeitalter und der philosophischen Auseinandersetzung mit ‘Urphänomenen’ wie Liebe und Tod.

Leitfrage

Welcher ‘Geist’ manifestiert sich im vorliegenden Text? Wie zeigt sich in der Gestalt von Texten der ideelle Gehalt?

Vorgehensweise

1. Der Forscher soll als ganzer Mensch beteiligt sein: „Das auffassende Vermögen, welches in den Geisteswissenschaften wirkt, ist der ganze Mensch; große Leistungen in ihnen gehen nicht von der bloßen Stärke der Intelligenz aus, sondern von der Mächtigkeit des persönlichen Lebens.“ (Dilthey 1959, 38) Der Wissenschaftler sei eine Verbindung von Intelligenz- und Erlebnispotential. Dabei darf er den eigenen Lebenszusammenhang nie aufgeben, Analysis darf nur stattfinden auf der Grundlage eines im Zusammenhang Erlebten.

2. Es soll nicht rein ideell und abstrakt vorgegangen werden, sondern am historischen Material, in der Zeit, ‘geistesgeschichtlich’ meint also prinzipiell eine Verbindung des Ideellen mit dem Realen.

3. Bei einer literaturwissenschaftlichen Arbeit, die ‘geistesgeschichtlich’ vorgehen will, sind nach Dilthey sowohl allgemeine, zeitlose Gesetze des Geistes, als auch spezielle Ausformungen der historischen Bedingtheit zu berücksichtigen.

4. Das geforderte Verfahren der intuitiven Synthese lässt sich an der geistesgeschichtlichen Auffassung von Sprache verdeutlichen. Karl Voßler sieht den Sprachakt als jeweils neue und eigenschöpferische Tat des Individuums. Neue Sprachformen beruhen auf Intuition, auf dem Geist des Dichters, sie sind Verlautbarungen des Geistigen, das immer das metaphysisch Frühere sei. “Die Aufgabe der Sprachwissenschaft ist darum gar keine andere als die: den Geist als die alleinig wirkende Ursache sämtlicher Sprachformen zu erweisen.“ (Voßler 1904, 63) Der poeta creator habe im schöpferischen Forscher seine Entsprechung. Intuitives Vorgehen verbietet die genaue Analyse des Vereinzelten, die Atomistik der positivistischen Ära gilt als unangemessen. Den Zusammenhang, das ‘geistige Band’ finde man erst im Geist (Voßler) oder im Gefüge der Syntax und Stilistik (Burdach), niemals in den einzelnen Teilen, wie Scherer meinte. Auch die geistesgeschichtliche Verslehre verdammt jedes Messen und Zählen, es sei viel zu singularisierend. Jeder Vers sei, wie die Sprache eines Dichters, ein Individuum, und für Individuen gibt es nichts, was durch Zählen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen wäre. Metrum und Rhythmus eines Verses sind wie Takt und Rhythmus der Sprache im Ganzen als Emanationen des je einzigartigen Geistes zu sehen, und dieser ist zu untersuchen, was niemals durch Messen möglich sei.

5. Wenn man intuitive Schau einer Ganzheit als der literarischen Kunst allein angemessen propagiert, folgt daraus, dass man das Deduzieren des einzelnen aus diesem erlebten Ganzen einem Induzieren auf Einzelteilen hin zu einem Ganzen vorzieht.

6. Dem auffassenden Subjekt werden entscheidende Maßnahmen zuerkannt. Daher wird auch der Mut zur je eigenen Sprechweise über Literatur gefördert und unterstellt, dass keinerlei exaktes Abbilden eines Tatbestandes in der Sprache möglich sei. Das positivistische Vertrauen gegenüber einer Aussagbarkeit des objektiv Gegebenen weicht der Notwendigkeit, das Subjektive in individueller Hinsicht zur Sprache werden zu lassen.

7. Man ist bestrebt, Beziehungen, also Strukturen zu sehen. Struktur ist das Wirken der Totalität, die Erscheinungsform der Ganzheit. Im Groben ist immer ein gegliederter Zusammenhang gemeint, dessen Verbindungslinien es aufzudecken gilt.

8. Der sogenannte Diltheysche Zirkel, der sich auf das Verständnis eines Werkes bezieht, bei dem das Ganze nicht ohne die Teile, die Teile aber nicht ohne das Ganze verstanden werden können, dieser nach traditionell logischen Gesetzen fehlerhafte Schluss setzt das formale Modell für das Verfahren der Geistesgeschichte. Synthese und Analyse sind abwechselnd zu vollziehen, ihre jeweiligen Ergebnisse funktional voneinander abhängig.

Dilthey modifiziert das Modell des hermeneutischen Zirkels, indem er nicht allein von einem Vorverständnis des Interpretierenden im Sinne eines erlernten Vorwissens ausgeht, sondern von einer allen Individuen innewohnenden prinzipiellen Gleichartigkeit des Erlebens. Aufgrund dieser strukturellen Analogie aller Erlebnisse können die von einem Individuum geäußerten Erlebnisse durch andere Individuen nachvollzogen werden.

9. Generell und individuell bezogene Aussagen sollen sich wechselweise steigern.

Typologische Konstruktionen sollten die Vielfalt gliedern helfen. Dilthey entwarf Weltanschauungstypen, Wölfflin Sehtypen, Walzel die Unterscheidung zwischen einem gothisch-deutschen und einem goethisch-deutschen Typ. Fritz Strich traf eine typische Einteilung in Klassiker und Romantiker, Herbert Cysarz stellte synthetisch den Typ des ‘barocken’ Menschen her und Ferdinand Josef Schneider den des ‘expressiven Menschen’“. Ähnlich werden Epochenstile zusammengetragen, seien diese nun formal-ästhetisch oder ideengeschichtlich fundiert.

10. Die angemessene Darstellung der ‘geistigen’ oder ‘inneren’ Zusammenhänge sei eine Kunst und deshalb keinerlei methodischen Vorgaben zu unterwerfen. Geistesgeschichtliche Arbeiten verstehen sich selbst als kunstvolle Texte und bedürfen ihrerseits der Auslegung.

11. Die Detailuntersuchung richtet sich auf die ‘Gestalt’ von Texten, da sie die äußere Objektivation des ideellen ‘Gehaltes’ darstellt. Die begriffliche Opposition von Gehalt und Gestalt wird zum Schlagwort für das Literaturverständnis. Oskar Walzel zählt zum ‘Gehalt’ alles, was an Erkennen, Wollen, Fühlen in literarischen Texten enthalten ist oder von ihnen hervorgerufen wird; ‘Gestalt’ hingegen sei in der Dichtung alles, was auf den äußeren oder inneren Sinn wirkt, also Auge und Ohr sowie Gefühle anregt. Der Stoff des Werkes ist weder Bestandteil des Gehaltes noch der Gestalt. Erst in der Prägung des Stoffes schafft der Dichter die letztere.

Literaturverzeichnis

  • Baasler
  • Microsoft ® Encarta ® 2006.
 
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