1. Interpretation

Strukturierung eines Gedichts, hier am Beispiel der 1. Strophe des Gedichts (Die Graeber in Speier)

Vers 1: Uns zuckt die hand im aufgescharrten chore

Kollektives “wir”, Autor-Leser, zugleich Anspruch des Dichter-Sehers George - Intention geht auf ein gemeinsames Programm. Die Ausgrabung wird hier schon peiorisiert: “aufgescharrt”, was im Leser bestimmte Assoziationen aufruft.

Vers 2: Der leichenschändung frische trümmer streifend

Verstärkung der Intention: “Leichenschändung”, hiermit geschieht eine deutliche Wertung, Stellungnahme zum Ereignis der Ausgrabung, welche zeitlich fixiert wird (”frische”). Der nominative Block, das entscheidende Nomen herausgerückt (vorgestellter Genitiv), spiegelt zusammen mit dem Partizip Präsens die nominale Tendenz des gesamten Gedichts: Namen, Benennung, Ereignisse, wie Gesteinsquader nebeneinander gerückt: Sprachprogramm als geistig-politische Programmatik.

Vers 3: Wir müssen mit den tränen unsres zornes

Wesentliche Steigerung des emotionalen Sprechens, verstärkt durch den Appell “müssen”. Die gleiche emotionale Einstellung (Einvernehmen) wird beim Leser vorausgesetzt. Die “tränen” weisen darauf hin, welches Gewicht George dem gesamten Vorgang beimißt. Die als “leichenschändung” bezeichnete Ausgrabung wird als Ereignis schmerzlicher, zutiefst bewegender Natur vor dem Leser aufgebaut.

Vers 4: Den raum entsühnen und mit unserm blut

Christliche und heidnische Vorstellungen werden vermischt, das Ereignis wird in die Zuständigkeit des Magischen und des Mythos verwiesen, unmittelbare Wiederaufnahme.

Vers 5: Das alte blut besprechen dass es hafte

Die Erinnerung an germanische Zauberriten (vgl. die sog. “Zaubersprüche”!) bedeutet ja im Zusammenhang mit dem gesamten Gedicht eine bestimmte Traditionslinie, zugleich Programm. Wichtig die Aufgabe, die den Heutigen nach George zufällt: Verantwortung für die Zukunft. Gerade darin der Charakter des Zeitgedichts.

Vers 6: Dass nicht der Spätre schleicht um tote steine

Dies wäre die verbrauchte und vertane Tradition nach George: “um tote steine schleichen”. Abgeblaßte Tradition, ausgehöhltes Geschichtsbewußtsein. “Spätre” als Aufgabe, Großschreibung.

Vers 7: Beraubte tempel ausgesognen boden

Bildfeld der “Leichenschändung” fortgesetzt. Folge der aktuellen Handlung, der Ausgrabung Boden kann nach George Träger von Geschichte sein. Die Aufgabe des Dichters und der ihm Zustimmenden wird erhöht durch die dreifache Nennung dessen, was verhindert werden soll: “tote steine - beraubte tempel - ausgesogner boden”.

Vers 8: Und der Erlauchten schar entsteigt beim bann

Die entscheidende Zeile, Auflösung des Banns. Alte Vorstellungen schwingen mit: Herauskunft der mittelalterlichen Kaiser, alter Volksglauben. Die Kaiser werden die “Erlauchten” genannt. Als “schar”, nicht vereinzelt, treten sie an das Licht.

Endformulierung

Auf die Ausgrabung der Kaisergräber im Speyerer Dom 1900-1902 - durch das Stadtarchiv anlässlich der “Speyerer Woche 1978” in einer Fotoausstellung erneut dokumentiert - bezieht sich das Gedicht “Die Graeber in Speier” von Stefan George, 1907 in “Der siebente Ring” veröffentlicht. Es gehört zu einer Gruppe von 14 “Zeitgeschichten”, die sämtlich aus je vier reimlosen Achtzeilern bestehen. Gemeinsam ist ihnen auch die formale Eigenheit. Die Minuskelschrift, die ungewohnte Interpunktion und die Knappheit und Strenge der Formulierungen mögen für uns auf Kosten der Verständlichkeit gehen - bei George jedoch sind sie begründet.

 
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