Lukas Engelhardt Expressionismus

Interpretation des Romans „Der Untertan“

1. Heinrich Mann

1.1 Biographie

1.2 Entstehungszeit

1.3 Entstehung

1.4 Darstellungsform

2. Textanalyse und Interpretation

2.1 Inhaltsangabe

2.2 Handlungsstruktur

2.3 Personenstruktur

2.4 Stil und Sprache

2.5 Textprobe

2.6 Erzählform

2.7 Interpretation

3. Überzeitliche Bedeutung


1. Heinrich Mann

1.1 Biographie

Heinrich Mann wurde am 27.3.1871 in Lübeck als Sohn eines wohlhabenen Kaufmanns und Senators geboren.Er war der Bruder von Thomas Mann. Nach der mittleren Reife machte er eine Buchhandelslehre und später ein Volontariat bei S.Fischer.Sein Studium absolvierte er in Berlin und München. 1931 wurde er Präsident der Preußischen Akademie der Künste in der Sektion Dichtung. Von Göbbels wurde er 1933 zur Aufgabe seines Amtes gezwungen und er floh ins Exil.1950 staeb er in Santa Monica( Kalifornien)

1.2 Entstehungszeit

Der Zeitraum in dem sich das Erzählte Geschehen abspielt kann von 1848 (Der alte Buck hat noch an der Revolution 1848 teilgenommen.) bis etwa 1897 (Einweihung des Denkmals für Kaiser Wilhelm I.) angenommen werden. Diese Zeit wird auch als Wilhelminisches Zeitalter bezeichnet. Im Mittelpunkt der Romanhandlung stehen die sozialpolitischen Änderungen der 90er Jahre des 1900. Viele der historischen Ereignisse der genannten Zeitabschnitte finden sich in der Untertan historisch nachvollziehbar verarbeitet. Im folgenden soll nun auf historische Ereignisse hingewiesen werden, die in der Romanhandlung eine Rolle spielen. Dem 2. deutschen Kaiserreichs(Gründung 1871) ging eine wechselhafte Zeit voraus, in der unterschiedliche politische Kräfte die Demokratisierung und Einheit Deutschlands anstrebten. Zu dieser Zeit gab es infolge der Industrialisierung, des Imperialismus und eines drohenden bevorstehenden Krieges einige soziale Brennpunkte, die Heinrich Mann, der im Jahr der Reichsgründung 1971 geboren wurde, bewegten.

1.3 Entstehung

1914 erfolgen erste Veröffentlichungen des Romans in der Münchner Zeitschrift „Zeit im Bild“. Diese müssen jedoch wegen drohender Zensurschwierigkeiten eingestellt werden. Erst nach Ende des Krieges wird die „Geschichte der öffentlichen Seele unter Wilhelm II“ – so lautete der ursprüngliche Untertitel – für die Leser zugänglich.

1.4 Darstellungsform

„Der Untertan” ist als eine Satire des typischen Entwicklungsromans anzusehen. Hier wird nicht auf eine Entfaltung des Hauptcharakters, in dem der Protagonist allmählich seine Lebenseinstellung entwickelt, wert gelegt, sondern es soll die eigentümliche Starrheit der Einstellung zur Macht dargestellt werden. Dies wird besonders in der Schilderung der Kindheit und Jugend deutlich, in der keine Entwicklung gezeigt wird (sie ist auch nur auf ca. zehn Seiten gerafft), sondern nur die Ereignisse ausgewählt sind, die die Einstellung zur Macht und ihren Vertretern (z.B. Vater) charakterisieren. Auch in der weiteren Handlung wird dies deutlich: Zwar gibt es Phasen der Unsicherheit in Diederich Heßlings Leben, am deutlichsten erkennbar in dem Liebesabenteuer mit Agnes, doch weiten sich diese Erlebnisse nicht zu Krisen aus und zeigen seine Werte und Einstellungen als feste Bezugsgrößen auf. In der politisch, soziologischen Literatur spielt die Satire eine wichtige Rolle. Sie dient der kritischen Analyse von gesellschaftlichen und politischen Problemen und wirkt als Zeitkritik.

2. Textanalyse und Interpretation

2.1 Inhaltsangabe

Der Roman der Untertan behandelt schwerpunktmäßig den Zeiitraum von 1889 bis 1897 und spielt in Berlin, Rom und in der fiktiven preußischen Provinzstadt Netzig. Diederich Heßling ist der einzige Sohn, eines Papierfabrikanten in Netzig (Provinzstadt). In der Schule schon versucht er sich seine Stellung zu sichern indem er hinterhältig seine Mitschüler gegen die Lehrer ausspielt. Nach seiner Schulzeit geht er nach Berlin um Chemie zu studieren. Dort lernt er die Familie Göppel kennen, Bekannte seines Vaters. Diederich, verunsichert durch das fremde Umfeld, führt sich geradezu tölpelhaft auf. Das Studium bringt ihn zu der Studentenverbindung ‚Neuteutonia‘, dort lernt er den Begriff: Kameradschaft leben. Heßling wird zum fanatischen Anhänger des jungen Kaiser Wilhelm, dem er bei einer großen Demonstration der Arbeiter für mehr Rechte sogar persönlich gegenüber stehen kann. Nach seinem verkürztem Militärdienst, den er wegen eines ‚Fußleidens‘ quittieren muss, kommt es zu einem kleinen Intermezzo mit Agnes, der Tochter des Zellulosefabrikanten Göppel. Es scheint als ob Diederich sich gewandelt hat, doch die Situation zwingt ihn sich für oder gegen eine Heirat mit seiner Geliebten zu entscheiden. Am Ende serviert er sie eiskalt ab, mit der Begründung sie habe eine zu kleine Mitgift. Als ein Doktor der Chemie verlässt er Berlin, um in Netzig die Fabrik seines Vaters zu übernehmen. Dort spielt er sich als aufgeblasener Geschäftsmann auf, fordert deutsche Zucht und Sitte und droht gegen sozialistisches Gedankengut seiner Arbeiter vorzugehen. Seine Mutter und zwei Schwestern Emmi und Magda behandelt er nicht sehr respektvoll, obwohl klar ist das er sie liebt. Guste Daimchen erweckt schon bald sein Interesse, sie hatte geerbt und wirkt nicht unattraktiv auf Diederich. Obwohl sie mit seinem Jugendfreund Wolfgang Buck verlobt ist, stellt er ihr heftig nach. Sötbier, den alten Buchhalter seines Vaters, sieht er als schon pensioniert und bezieht ihn nur mehr oberflächlich in die Geschäfte mit ein. Napoleon Fischer, sein Maschinenmeister und aktiver Sozialdemokrat, wird von Diederich anfangs als sehr gefährlich eingestuft. Und trotzdem lässt sich Diederich auf eine kleine Vertuschungsangelegenheit mit Fischer ein. Heßling erkennt auch, dass er sich um Beziehungen mit den großen Männern Netzigs kümmern muss und richtet sich seine Überzeugung immer nach dem Gegenüber. Der alte Buck ist der erste den er besucht, er weiß wie gut der Alte auf seine Vater zu sprechen war und nützt dies aus um sein Vorhaben die Vergrößerung seiner Fabrik zu sichern. Noch am selben Tag lernt er Bürgermeister Scheffelweis, Assessor der Staatsanwaltschaft Jadassohn und Pastor Zillich kennen, alle drei sind ebenfalls überzeugt vom Kaiser. Da kommt es zu einem Zwischenfall vor dem Regierungsgebäude. Ein junger Arbeiter wird von einem Wachposten niedergeschossen. Sofort bilden sich zwei Lager, Diederich und seinen Kameraden die den Mord für gerechtfertigt halten und Männern die schon bekannt für ihre sozialistische Gesinnung waren. In einem Ratskeller treffen sich die zwei Seiten wieder und es kommt wiederum zur offenen Auseinandersetzungen. Die Situation erreicht seinen Höhepunkt als Heßling den angesehenen Herrn Lauer, einen Sozialisten, so sehr provoziert, dass dieser Majestätsbeleidigung begeht. Es kommt zum Prozess und Herr Lauer wird zu 6 Monaten Haft verurteilt. Ganz Netzig ist im Vorfeld für Lauer, Diederich wird nicht zu unrecht für alles verantwortlich gemacht und bekommt deshalb massive Verachtung und Demütigung zu spüren. Doch das Blatt wendet sich und Heßling steht am Ende trotzt Verurteilung Lauers wieder gut da. Heßling wird zusammen mit Fischer Stadtverordneter ohne dessen Hilfe er nicht gewählt worden wäre. Fast gleichzeitig löst sich die Verlobung Gustes mit Wolfgang Buck, weil das Gerücht um geht die beiden seien Halbgeschwister. Diederich und Guste heiraten glücklich. Der Präsident Wulckow trifft mit Heßling eine Abmachung. Wonach Heßling sein Fabriksgrundstück verkauft, um ein Kaiser Wilhelm-Denkmal bauen zu lassen. Dafür wird er Generaldirektor und Besitzer der Gausenfelder Papierfabrik. Am Ende erhält er den Wilhelm-Orden und darf das Denkmal einweihen.

2.2 Handlungsstruktur

In chronologischer Folge werden die einzelnen Lebensabschnitte des Diederich Heßling in sechs Kapiteln dargestellt. In jedem Kapitel beschreiben einzelne Episoden eindrucksvoll den Weg der Hauptfigur zum bedingungslosen Untertan seiner Majestät und zum erbarmungslosen Familientyrann so wie zum eiskalten Machtpolitiker im gesellschaftlichen Leben in Netzig.

2.3 Personenstruktur

Diedrich Heßling: Feige Unterwürfigkeit gegenüber allen Mächtigen und Stärkeren sowie Kälte und Brutalität im Verhalten zu Schwächeren und Untergebenen sind die Hauptcharachterzüge des Diederich Heßling. Der schwächliche Sohn eines Netziger Papierfabrikanten weist schon als Kind viele Verhaltensweisen, die sich in seiner Entwicklung zum Untertanen und Tyrannen immer stärker Ausprägen. Die Mutter und die Geschwister lobt oder straft er,immer die jeweiligen Situationen geschickt ausnutzend: Die Mutter verpetzt er beim Vater, die Schwester bestraft er grausam, wenn sie beim Diktat Fehler machen. In der Schule unterwirft er sich den Lehrern und denonziert Mitschüler. In Berlin empfindet Diederich die Militärzeit bei den Neuteutonen und seine kurze Militärzeit als „Das Aufgehen im großen Ganzen!“. Er ordnet sich auch hier den stärkeren unter und nimmt an der Macht Teil. Sein Aufstieg zur Macht in Netzig kann er mit unnachgiebiger Härte und hohlen Phrasen, häufig den Reden des Kaisers entnommen, verfolgen. Den Nationalen und Konservativen fühlt sich Diederich von Anfang an verbunden. Hingegen ist Wolfgang Buck der Rechtsanwalt sein Gegenpart. Er verkörpert nicht die Macht sondern den Geist. Provokationen und skrupelloses Handeln sind die Instrumente in der Auseinandersetzung, die Diederich meisterhaft beherrscht. Auch bei Diederich’s Beziehungen zu den Frauen setzt er seine Vorstellungen und Pläne durch. Seine Mutter hast er gerade, weil sie ihm ähnlich ist und versucht, sich ihr gegenüber männlich autoritär durchzusetzen. Als der Vater gestorben ist ordnet sich die Mutter widerstandslos dem neuen Familienoberhaupt unter. Auch Guste Daimchen fühlt er sich zunächst unsicher später ordnet sie sich ihm jedoch unter. Durch ihre Mitgift kann Diederich seine wirtschaftliche Position in Netzig erheblich festigen. Bei seinem Liebesverhältnis mit Agnes Göppel entdeckt man fast sympathische Züge an Diederich, aber als sie sich ihm vorbehaltlos hingibt verlässt er sie skrupellos. Die Konfrontation Diederichs mit dem alten Buck löst bei ihm starke Verunsicherung aus. Er spürt, dass er dem alten Buck weder moralisch noch intellektuell gewachsen ist. Um sich durchzusetzen greift er zu den Instrumenten der Macht.

Wolfgang Buck: Wolfgang ist der Sohn des alten Buck und verkörpert die Humanistischen Werte, die vor allem im Gerichtsprozess wegen Majestätsbeleidigung gegen Lauer erkennbar werden. Am Ende des Romans resigniert Wolfgang Buck. Er muss scheitern, weil er zu unentschlossen ist und zu wenig kämpferisch.

Der alte Herr Buck: Die Figur im Roman die am ehesten der Vorstellung Heinrich Manns von einem liberal demokratischen Bürger entspricht. Er wird in Netzig als integere Person geachtet und wird trotzdem am Ende zur tragischen Figur, weil er mit seinen Humanistischen Idealen scheitert.

Napoleon Fischer: Napoleon Fischer ist eine schillernde Persönlichkeit, die auf die eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen mehr bedacht ist,(Vorname: Napoleon) als auf die Durchsetzung von Forderungen der Arbeiterschaft, für die er sich als führender Sozialdemokrat eigentlich einsetzen sollte.

Doktor Jadassohn: Auch Jadassohn will unbedingt Karriere machen politisch hat er seine Heimat in der national konservativen Stammtischrunde im Netziger Nationalkeller. In den Disskussionen und in seinem Verhalten steht er voll auf der kaisertreuen Seite,gegen die Demokraten und Freisinnigen.

Guste Daimchen: Zwei Frauen begleiten Diederich während seines Auftiegs in Netzig: Guste Daimchen und Käthchen Zillich. Beide Frauen beeindrucken ihn wegen ihrer Forschheit ihres Aussehens und wegen ihrer Frivolität. Schließlich wird die reiche Guste Daimchen Diederichs Frau und nicht die schillernde Diva Pastoren Tochter Käthchen Zillich. Guste entwickelt sich nach der Heirat zu einer Musterehefrau für den Kaisertreuen Unternehmer. Sie schenkt ihm ein Mädchen und zwei Söhne bringt ihre Mitgift ins Geschäft ein, bestellt ihr Haus ordentlich und betritt im gesellschaftlichen Leben von Netzig nur das Gebiet, dass ihr von Diederich zugewiesen wird. Nur im ehelichen Schlafzimmer soll sich Guste nicht an die übliche Rollenverteilung halten, da bleibt Diederich Guste willich Untertan: „Ich bin die Herrin, du bist der Untertan“.

2.4 Stil und Sprache

Heinrich Mann benutzt ganz bestimmte sprachliche Mittel, um beim Leser eine bestimmte Wirkung zu erreichen. Zuerst muss die satirische Sprachverwendung genannt werden. In der Untertan konzentriert sich die satirische Gestaltung vor allem auf die Hauptperson: „Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon.“(S.107) „Er rollte die Augen.“(S.114) Die Sprech- und Verhaltensweisen von Diederich werden ironisiert. Weitere auffälige sprachliche Gestaltungsmittel sind die Verwendung von Fachausdrücken für Bezeichnungen aus der Produktion (z.B. Holländer), Begriffe aus der Ökonomie (z.B. Dividende) und aus der Politik (z.B. Freisinn), aus der Geschichte und Kunst (z.B.Sang an Ägir, Odaliske) und der Studentensprache (z.B. Komment). Auffällig ist auch die Verwendung von Wörtern mit regionaler Färbung, die der Beschreibung lokaler und sozialer Verhältnisse bei der Dialoggestaltung dienen. (z.B. Neuteutone Delitzsch: „,Wovon habt ‘r denn geredt, während ich anderweitig beschäftigt war? Wisst ihr denn egal nischt wie Weibergeschichten? (S.33)).

2.5 Textprobe

Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her! Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. (114 Worte) Die Textprope stammt von der ersten Seite des Romans und enthält 6 Sätze,die zum Teil kurze Nebensätze oder erklärende Einschübe enthalten. Zwei der Sätze sind Exklamativsätze, die Diederich’s Verwunderung ausdrücken. Die Wortwahl ist einfach und prägnant.In dem Abschnitt sind 7 Adjektive,die die Nomen näher erklären. Wiederholungen verstärken das gesagte:Märchenbuch, dem geliebten Märchenbuch

Ein Paradoxon enthält „Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben.“ ,es macht die Beziehung zu seinem Vater, den er fürchtet, aber auch liebt deutlich. Auch wird hier ein grotesker Vergleich benutzt: der Vater fürchterlicher als eine Kröte.

2.6 Erzählform

Über weite Strecken erzählt ein auktorialer Erzähler der über die Kindheit Heßlings, über seine Eltern und Lehrer berichtet und der über Netzig und seine Bürger genau bescheid weiß. Später bestimmt die Perspektive Heßlings den Roman. Er, der sich als Untertan gibt und in seinem Bereich autoritärer Herrscher ist, setzt sein Zeichen um sein Weltbild durchzusetzen. Eine übergeordnete Erzäglerinstanz durchkreuzt die Absicht und sendet ständig Ironiesignale, die den Leser warnen.

2.7 Interpretation

Der Prozess der Einordnung Diederich Heßlings in die Gesellschaft des Kaiserreichs und der Anfang der Entwicklung seines autoritären Charakters bzw. seiner Unterordnung unter stärkere beginnt bereits im Elternhaus sowie in der Schule und setzt sich in der Berliner Zeit fort. Das widerspruchsvolle Denken und Handeln des Untertans zeigt sich bereits in dieser Entwicklungsphase. „Macht erleiden“ und „Macht ausüben“, das sind die Pole, unter denen sich Diederichs Entwicklung in den ersten beiden Kapiteln des Romans vollzieht. Erunterwirft sich dem autoritären Charakter des Vaters der als Oberhaupt Familie und Betrieb beherrscht. Den Lehrern ist er ergeben, den Rohrstock verehrt er als Symbol der Macht. Bei den Neuteutonen dient er mit Hingabe und seiner Militärzeit unterwirft er sich bedingungslos der kaiserlichen Armee. Die erste Begegnung mit dem Kaiser bildet den vorläufigen Höhepunkt in seiner Entwicklung zum Untertanen. Bei Diederichs Heßling Rückkehr nach Netzig nimmt die Machtausübung im Verhältnis zum erleiden der Macht kontinuierlich zu. Heßling entwickelt sich zu einem strukturlosen Untertanen und zugleich zu einem Unterdrücker. Als Leitmotiv dient bei dieser Entwicklung die ständige Annäherung des Untertan an sein Vorbild den Kaiser: Huldigungsdiagramm an den Kaiser, Übernahme von Redefragmenten aus der Reichstagsdebatte, Gedenken an den Kaiser in der Hochzeitsnacht u.a.m. In ,,Der Untertan” wird die Doppelmoral, der Materialismus und die Heuchelei Diederichs, der als Typus seiner Zeit verstanden werden soll, und somit der Gesellschaft entlarvt. Dies wird beispielsweise deutlich, als er ein junges Paar in seiner Fabrik hinter Lumpen intim erwischt und sie aufgrund dessen im Namen deutscher Zucht und Ordnung entlässt. Später wird genau diese entlarvt, als Diederich bei einem Rundgang mit Guste genau an der selben Stelle mit ihr intim wird und sogar noch erzählt, wie er einen Arbeiter und ein Mädchen dort erwischte. Weiterhin macht H. Mann Diederich durch die Verwendung von Kaiserzitaten und der daraus entstehenden Überheblichkeit lächerlich und übt somit auch Kritik am Kaiser. Es wird also klar, dass das Werk als Spiegel der Gesellschaft dienen soll und somit Kritik ausübt.

3. Überzeitliche Bedeutung

Heinrich Mann hat in seinem Roman einen zentralen Abschnitt deutscher Geschichte kritisch betrachtet und bewertet, die Zeit, in der sich die volle ausprägung der modernen bürgerlichen Gesellschaft und des Bürgers im Gefolge der „Revolution von oben“ vollzog, was sowohl den Charachter der deutschen Gesellschaft als auch vor allem dem des deutschen Bürgers tief prägte und bis in unser Jahrhundert tief hinein wirkt. Eine besondere Aktualität gewann der Roman in der kritischen Auseinandersetzungen mit dem Faschismus. Manns satirische Gesellschaftsanalyse wurde, weil sie viele Symptome des Faschismus aufgezeigt hatte, schon in die Erklärungsversuche für den Nationalsozialismus einbezogen. Der Untertan ist noch nicht überwunden durch eine andere politische Struktur, eine Republik und Demokratie. Erst der Bürger, der sein Gewissen mit entscheiden lässt, der so zum selbstbestimmten und zum sozialverantwortlichen Handeln in der Geschichte gelangt (Also jenem im alten Buck angelegten Ideal nahe kommt), der sich nicht mehr unter eine Macht beugen lässt, auch nicht unter die des Geldes, hat ernsthaft begonnen das Erbe des Untertanen auszuschlagen. “Der Untertan” liefert also dem Leser einige Einsichten in den sozialen Mechanismus der Beziehung zwischen Macht und sozialem Gewissen.

 
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