Das Erdbeben von Chili

Inhaltsangabe

Jeronimo Rugera und Donna Josephe, die aufgrund ihres illegalen Verhältnisses 1647 in St. Jago, der Hauptstadt des Königreiches Chili, auf ihre Hinrichtung warten, treffen sich nach einem verheerenden Erdbeben in einem Tal außerhalb der Stadt wieder. Dort werden sie mit ihrem gemeinsamen Sohn Philipp und vielen weiteren Flüchtlingen zu einer großen Familie, in welcher Standesunterschiede keine Rolle zu spielen scheinen. Als man in die Stadt zurückzukehren beschließt, nimmt Josephe Juan, den Sohn des Don Fernando und der Donna Elvire, kurzfristig als Pflegesohn auf, da Elvire verletzt ist. Während einer gemeinsamen Messe in der Stadt aber kommt es zu einem Tumult, bei dem sowohl Jeronimo als auch Josephe und Juan getötet werden. Don Fernando und seine Ehefrau nehmen den verwaisten Philipp als Pflegesohn auf.

Interpretation

Im Gesamtbild gesehen kann man sagen, dass die Novelle im Ton einer Berichterstattung geschrieben ist. Nur die wichtigsten Dinge werden beschrieben, auf Details wird größtenteils verzichtet. Lediglich im Mittelteil, also bei der Szene an der Talquelle, beschreibt Kleist Details. Man kann davon ausgehen, dass Kleist dadurch die Stimmung Jeronimos und Josephes ausdrücken möchte, nachdem sie nach der Katastrophe wieder zueinander gefunden haben Kleist verwendet sehr gerne lange, komplexe Sätze (vgl. Marquise von O), mit denen er den Leser auffordern will, des Zusammenhang zu verstehen. Auffällig ist, dass Kleist in dieser Novelle häufig biblische Motive verwendet. Zunächst einmal setzt der Chorherr am Ende seiner Predigt das Erdbeben mit der Apokalypse, also dem Weltgericht in Analogie, als er sagt: „Das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein“(S. 61, Z. 36-37). Auffällig ist außerdem, dass man die Hauptdarsteller Jeronimo, Josephe und Philip mit der „heiligen Familie“ Joseph, Maria und Jesus vergleichen kann. Schon allein die Namensähnlichkeit zwischen Josephe und Joseph lässt darauf schließen, dass Kleist Parallelen ziehen wollte. In der Bibel ist beschrieben, dass hier ähnliches wie in der Novelle passiert sein soll: Paulus und Silas waren im Gefängnis eingesperrt, dann setzte ein Erdbeben ein, wodurch die beiden aus dem Gefängnis flüchten konnten Eine biblische Parallele setzt Kleist, als er das Tal vor der Stadt St. Jago, in dem sich die Überlebenden befinden, mit dem Tal von Eden vergleicht, denn es war „als ob es das Tal von Eden gewesen wäre“. Bei diesem Stück drängt sich dem Leser ständig die Frage auf, ob der Zufall oder das Schicksal, also der Wille Gottes, entscheidet, wer überlebt und wer stirbt. Schon zu Beginn des Stückes ist dies der Fall. Der Moment, der für Tausende zu Tod führt gibt dem einen, der mit dem Leben schon abgeschlossen hat, die Freiheit und somit das Leben zurück. Es stellt sich also nun die Frage, ob das Leben eines einzelnen mehr Gewicht hat, als das von tausenden anderen, die durch das Erdbeben ihr Leben verloren haben. Überhaupt spielt der Zufall in „Das Erdbeben von Chili“ eine wichtige Rolle. Kleist schreibt, dass Jeronimo nur durch Zufall den Strick findet, mit dem er sich das Leben nehmen will. Und weiter beschreibt er, dass es Jeronimo nur durch eine „zufällige Wölbung“ im gegenüberstehenden zusammenfallenden Gebäude gelingt, noch vor dem Einsturz des Gefängnisses zu entfliehen. Durch das Erdbeben ist auch die Theodizee-Frage wieder von neuem diskutiert worden. Die Menschen fragen sich, warum Gott solch ein Übel auf der Welt zulassen kann. Sie zweifeln plötzlich an ihrer Existenz und an ihrem Gott. Abschließen kann man sagen, dass der Einzelne keine große Bedeutung hat. Die Gemeinschaft ist stark und der Einzelne ist nur ein kleiner Teil dieser Gesellschaft. Deshalb ist die Stellung des einzelnen in der Gemeinschaft nicht sehr Groß.


Erstellt von: Philipp Henze

 
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